Historie

Die Anfänge des Corps

Zusammenschlüsse von Studenten aus den westfälischen Landesteilen des Königreichs Preußen (Grafschaften Mark und Ravensberg) lassen sich an der Universität Halle schon am Anfang des 18. Jahrhunderts feststellen. Eine Landsmannschaft der Westfälinger wurde durch königliches Edikt vom 22. November 1717 aufgehoben und verboten. Sie scheint aber dessen ungeachtet weiterbestanden zu haben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die alten Landsmannschaften zunehmend durch die freimaurerisch beeinflussten Studentenorden verdrängt. Aus der westfälischen Landsmannschaft heraus gründete sich so Mitte des Jahres 1777 der Orden der Constantisten. In Konkurrenz zu den Orden erstarkten aber auch die Landsmannschaften oder „Kränzchen“, wie sie in dieser Zeit auch genannt wurden, wieder. Am 8. September 1789 konstituierte sich die westfälische Landsmannschaft mit den preussischen Farben schwarz-weiss neu.

Zweck der Vereinigung war es, die Studenten vor den Nachstellungen der Orden zu schützen, sie untereinander besser bekannt und vertraut zu machen, gesellige Tugenden und echte Freundschaft zu begründen, die Freiheit und Ehre jedes Einzelnen zu gewährleisten und in Not geratene Mitglieder (Brüder) zu unterstützen.

Wappen Guestphalia Halle
Altes Stammbuch
Männer beim Trinken

Das Westfalenkartell

1794 beteiligten sich Westfalen aus Halle an der Stiftung der Guestphalia Erlangen. Noch im gleichen Jahr wurden zwischen beiden Landsmannschaften Kartellbeziehungen aufgenommen, zu denen 1795 noch ein Kartell mit Guestphalia Jena trat. Damit war der Grundstein für das sog. „Westfalenkartell“ gelegt,das 1799 offiziell begründet und bis 1820 auf die Universitäten Würzburg, Göttingen, Bonn, Berlin, Heidelberg und Marburg ausgedehnt wurde. 1808 beschloss man eine gemeinsame Constitution, 1812 gemeinsame Grundprinzipien. Die Farben des Corps waren bis 1799 schwarz-weiß, dann grün-schwarz-weiß und wurden 1821/22 durch Vereinbarung aller Corps des Westfalenkartells einheitlich in die Trikolore grün-weiß-schwarz geändert. Guestphalia in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Durch die Aufhebung der Universität durch Napoleon (Oktober 1806) erfuhr der Betrieb nur eine kurze Unterbrechung. Gravierender war die Bildung der burschenschaftlich orientierten Verbindung Teutonia als Folge des Einheitsgedankens der Befreiungskriege (1814). Sie nahm die Mitglieder der bisherigen Landsmannschaften überwiegend in sich auf, beschloss aber bereits nach fünf Jahren (Februar 1819) ihre Selbstauflösung. Die früheren Landsmannschaften Marchia, Pomerania und Guestphalia formierten sich neu. In dieser Zeit begann sich der Begriff „Corps“ als Bezeichnung für die Landsmannschaften oder Kränzchen durchzusetzen.

In den 30er Jahren nahm das Verbindungsleben einen vorübergehenden Abstieg. Guestphalia musste kurzzeitig suspendieren und wurde am 18. Juli 1840 rekonstituiert. Dieses Datum wurde bis 1926 als Stiftungsfest gefeiert. Nachdem das alte Westfalenkartell zerfallen war, kam es noch 1838 zum Abschluss offizieller Beziehungen zu Saxonia Leipzig, 1839 zu Thuringia Jena. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgten Verhältnisabschlüsse u.a. mit Hansea Bonn (1855, Kartell) und Hasso-Borussia Freiburg (1879, 1892 Kartell), zeitweilig auch mit Borussia Greifswald.

Seit dessen Gründung 1848 ist Guestphalia über den SC zu Halle Mitglied des Kösener Senioren-Convents-Verbandes (KSCV) und gilt heute als dessen ältestes Mitgliedscorps.

Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittes Reich

Mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, an dem alle Aktiven als Soldaten teilnahmen, trat eine erneute Suspensionszeit ein, die durch Rekonstitution am 29. April 1874 überwunden werden konnte. Auch von 1916 bis 1918 ruhte der Aktivenbetrieb kriegsbedingt. Zuvor war 1913 das eigene repräsentative Haus in der Burgstraße in Halle eingeweiht worden.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte eine Reihe von Einschränkungen und insbesondere merkliche Spannungen zwischen Korporationen und der Führung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB). Ein Beschluss des Reichsstudentenführers, dass alle Studenten Mitglieder des NSDStB oder einer Kameradschaft sein müssten, führte am 11. Oktober 1935 zur erneuten Suspension. Das Corpshaus in der Burgstraße wurde, um einer Beschlagnahme zuvorzukommen, verkauft. Mit dem Inventar wurde im Hotel „Stadt Hamburg“ ein Traditionszimmer eingerichtet. 1938 beteiligten sich einige Alte Herren des Corps an der Gründung der SC-Kameradschaft „Gustav Nachtigal“, die bis Kriegsende bestand.

Nach dem Krieg

1950 stiftete Guestphalia mit anderen ehemaligen Hallenser Corps das neue Corps Saxonia Frankfurt (heute Saxonia Konstanz). Nach Lösung dieser Bindung (1956) erfolgte 1958 die eigenständige Rekonstitution in der westfälischen Hauptstadt Münster und der Beitritt zum Münsteraner Waffenring (MWR). Als sich die Möglichkeit bot, das alte Corpshaus in Halle zurück zu erwerben, kehrte das Corps zum Sommersemester 2006 nach über 70 Jahren nach Halle zurück.